Frau am Liegestuhl sieht in die Ferne

10 Tage Schweigen

In Seelenbalsam by Sandra Exl

Ich habe in meinem bisherigen Leben viele abenteuerliche und auch verrückte Sachen gemacht. War immer neugierig auf die Welt – auf die äußere wie auf die innere. Ein sehr spannendes Experiment war ohne Frage mein erstes Schweigeretreat. Was das ist? Ich würde sagen, ein Abenteuerurlaub der besonderen Art. 10 Tage schweigend, ohne Handy, ohne Bücher, ohne Sport, ohne Ablenkung jeglicher Art. Was das soll? Wie gesagt: Neugier auf die Welt da drinnen – in mir.

Den folgenden Artikel habe ich direkt nach meinem ersten Schweigeretreat 2011 in der Toscana geschrieben:

So still  und so laut wie nie zuvor

Kleine Kirche auf einem Berg in der ToskanaAlle fragen: Und? Wie war´s in der Toskana? Ich habe bemerkt, dass ich unterschiedliche Antworten auf diese eine Frage gebe. Manchmal wird´s ein: „Sehr schön! Die Landschaft war traumhaft, das Wetter herrlich und das Essen einfach köstlich. Und erholt haben wir uns auch wunderbar. Die Ruhe hat gut getan“.  Ein anderes Mal beginne ich zu erzählen, über all die Vorgänge und Prozesse in meinem Inneren und gerate ins Schwärmen, dass dieses Schweigen das Heilsamste war, was ich bisher auf meinem Weg gemacht habe. Und wieder ein anderes Mal schildere ich den Tagesablauf: 05:00 Morgenmeditation, 07:30 Morgentee, 08:30 Frühstück, 12:30 Mittagessen, 16:00 Tee, 17:00 Selbstreflexion (das wird an anderer Stelle noch erläutert) und 19:30 Abendessen. Tja, eine Frage und viele Versionen der Antwort, die aber alle für mich wahr sind. Sie beschreiben eben immer nur einen Ausschnitt der von mir erlebten Realität in dieser Woche in der Toskana. Es ist tatsächlich nicht leicht, jemandem das, was man erlebt hat, in allen Facetten verständlich zu machen. Wie soll denn das auch gehen? Was ist das überhaupt für eine komische Erwartung, dass der andere verstehen soll, was man selbst erlebt?

Nun gut, ich will nun versuchen, Worte zu finden für diese Woche ohne Worte.

In dieser Woche erfuhr ich wohlige Stille, und ich erfuhr aufreibenden Lärm. Und das, obwohl im Außen konstant Ruhe herrschte. Der Lärm war verursacht durch Gedankenspinnerei und daran geheftete Gefühle, was ich erst durch die anhaltende Stille im Außen so richtig wahrnehmen konnte. Erst wenn es außen lange genug still ist, und man sich durch nichts abzulenken versucht, fällt einem auf, welche Verstandesmaschinerie man in seinem Kopf herangezüchtet hat. Erziehung, Schule und Job haben uns dabei tatkräftig unterstützt. Und es ist ja auch nichts schlechtes, nein, es ist sogar sehr praktisch, dieses Werkzeug eines scharfen Verstandes zur Verfügung zu haben. So wie es ja auch praktischer ist, mit einem scharfen Messer Tomaten zu schneiden als mit einem stumpfen 😉 Allerdings muss man beim scharfen Messer sehr Acht geben, sich nicht zu schneiden.

Wenn das Werkzeug „Verstand“ zum Tyrannen wird

Was also, wenn sich der Verstand in Dinge einmischt, die ihn gar nichts angehen? Wenn jeder Moment vom Verstand beobachtet und analysiert wird, wenn die Erfahrung des bloßen Seins durch hochgeschaukelte Gedankenkonstrukte blockiert wird und der ganze Kopflärm vom Wesentlichen im Hier und Jetzt ablenkt?

Es machte mich unendlich traurig als ich diesen Wahnsinn in mir erkannte. Die Tränen flossen ob all dieser verlorenen Momente, die plötzlich nichts wahrhaftiges mehr hatten. Was war echt in meinem Leben? Der Verstand ließ niemals etwas zu, was nicht durch seine Zensur ging. Wie unendlich traurig mich diese Erkenntnis machte. So viel gelesen, so viel gesprochen, so viel getan und so wenig verstanden. Scham und Trauer überkamen mich und ich war ganz klein. Aber wer war da gerade klein? Die Einsicht dazu kam am nächsten Abend bei der Selbstreflexion. Dieser Termin war ein täglicher Fixpunkt, bei dem wir die Möglichkeit hatten, Fragen zu stellen, die wir bereits tagsüber auf Zettel geschrieben in eine Fragenbox werfen konnten und die Matthias dann mit uns durchging. Wenn man wollte, konnte man auch etwas dazu sagen, wenn der eigene Zettel dran war. Halleluja, diese Treffen hatten es in sich. Die Einsicht also, wer da am Tag vorher gerade so klein war, kam bei eben diesem Gespräch. Ich habe es wahrhaftig im Herzen gespürt, wie übermächtig mein Verstand jede Erfahrung infiltriert und bewertet. Doch er wollte dabei unerkannt bleiben. In dem Moment, als mir dieses Spiel des Verstandes im Herzen klar wurde, fühlte er sich ertappt. Es war als würde er sich ergeben, als würde ihm die ganze Kraft entzogen werden. Er war es also, der so klein war in jenem Moment. Rumpelstilzchen lässt grüßen. Vermutlich ist diese Schilderung grade nicht leicht nachzuvollziehen aber für mich war es ein erhellender Moment der Klarheit. Jede/r TeilnehmerIn hatte seine/ihre ganz persönlichen unbeschreiblichen Augenblicke dieser Art.

Glückseligkeit durch Achtsamkeit

Mann sitzt auf einem Strohballen und sieht in die FerneDie Dankbarkeit aller TeilnehmerInnen des Schweigeretreats an jedem Tag war so sehr spürbar. Es war schön zu sehen, wie sich erwachsene Menschen über Kleinigkeiten freuten wie Kinder. Jeder Bissen des wunderbaren italienischen Essens wurde mit so viel Achtsamkeit und Dankbarkeit gegessen. Gestandene Geschäftsmänner, Architektinnen, Tischler, Ärztinnen, Landwirte und Lehrerinnen beobachteten stundenlang Ameisen, spielten mit Steinen, ließen Tränen der Freude oder Verzweiflung zu, durften sich spüren und sich ganz blank im Innersten wahrnehmen. Was wir alle hier erlebten, werden wir hoffentlich nie vergessen…

Vier Wochen danach

Nun ist ein bisschen Zeit seitdem vergangen, und ich durfte mich zurück im Schauspiel meiner Lebenssituation, einer Aufgabe stellen, bei der es galt, eine große Angst meines Egos zu überwinden. Dieser Teil meines Ichs haderte mit seinem Schicksal: „Warum gerade das? Gib mir irgendetwas anderes, egal was!“ Wahrscheinlich kennt das jeder Mensch: Die Themen und Aufgaben der anderen möchte man haben…  Trotz des inneren Widerstands gegen diese Aufgabe nahm ich eine gewisse Richtigkeit, eine Ordnung dessen, was da auf mich zukommen würde, wahr. Die Konfrontation mit dieser Angst durch immer wiederkehrende Geschehnisse im Außen, ist ein großes Geschenk. Ich empfinde das plötzlich wirklich so und kann mit Dankbarkeit auf solche Herausforderungen blicken, wenn ich nur ein paar Schritte aus meiner Situation heraustrete und versuche, als Beobachter drauf zu schauen.

Sechs Jahre danach

Heute erinnere ich mich immer noch an jene Seinszustände bei den Schweigeretreats. Fünf Mal habe ich das insgesamt gemacht und beim letzten 2013 beschloss ich, mein Leben komplett neu aufzustellen. Ja, es folgten teils schmerzhafte Monate der Veränderung, doch dann stand ich da, in meinem neuen Leben. Das Hamsterrad hinter mir und meine Flügel zum Fliegen aufgespannt.

So eine Zeit des Schweigens kann dir mitunter brutal in aller Klarheit vor Augen führen, wo es hapert in deiner Lebenssituation und wohin es dich wahrhaftig zieht. Es kann dir aber auch ganz einfach nur zeigen, wie du deinen Kopflärm im Alltag besser handelst, achtsamer durch dein Leben gehst und viel mehr im Hier und Jetzt bist.

Achtsamkeits- und Konzentrationsübungen

Vier Tipps, die ich selbst täglich einfach zwischendurch im Alltag anwende, um insgesamt bewusster zu sein, habe ich in diesem Video zusammengefasst. Einfach und sehr wirksam:

Ich wünsche euch schöne Momente der Stille.

Alles Liebe,

Lana

Mein Geschenk an dich

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